«Gesundheit ist ein Grundrecht und keine Belohnung für ein korrektes Verhalten», sagt die Medizinethikerin (NZZ). Das kann auch falsch verstanden werden. Denn schliesslich sind die laufend steigenden Heilungskosten bei Krankheit und Unfall in vielen Fällen Folgen des persönlichen Verhaltens.
Alle Akteure sind gefordert
Am Anfang der Beurteilung der Stresssituation, ausgelöst durch jährlich steigende Krankenkassenprämien, steht die Einsicht, dass alle Akteure gefordert sind, sollte dieser Trend eines Tages abgeschwächt werden. An erster Stelle sind wir alle, die Kostenverursachenden, im Fokus: unser tägliches Verhalten – im Tagesablauf oder in der Freizeit. Wir sollten definitiv mehr Eigenverantwortung für unsere Gesundheit übernehmen. Es folgen Krankenkassen, Ärzte, Spitäler, Versicherungen, Medikamentenhersteller, Leistungserbringende etc.; sie alle sind gefordert.
Verhaltenstrends, Erziehungsfaktoren, Anspruchsverhalten – auch diese Beeinflussungsfaktoren wirken sich direkt und indirekt auf die Kostenentwicklung aus. Ein Beispiel aus dem Alltag: Im Bürogebäude, in dem ich arbeite, ist auf einer Etage neu eine Praxis für Psychotherapie mit sechs selbständigen Psychologinnen und Psychotherapeutinnen eingezogen, nachdem ein Anwaltsbüro ausgezogen ist …
Krankensystem oder Gesundheitssystem?
Auch unser perfektioniertes Gesundheitssystem ist mitschuldig – eigentlich müsste es Krankensystem heissen –, dessen Hauptaugenmerk auf Reparatur statt Prävention basiert und das uns inzwischen jährlich 100 Milliarden Franken kostet. Allzu oft springen wir zum Arzt – das kostet uns ja fast nichts.
Gemäss Angaben von Medbase haben sich die Gesundheitskosten in der Schweiz zwischen 1960 und 2025 verfünfzigfacht: von geschätzten 2 auf 100 Milliarden Franken …
Wer kann das bezahlen? Ist das System schuld? Wer ist das System? Wir Steuerzahlenden. Auch da liegt eine zu wenig beachtete negative Langzeitwirkung: Jährlich steigt die Zahl jener Familien, die diese hohen Prämienkosten gar nicht mehr stemmen können. Sie rutschen automatisch in den Bereich der staatlichen Prämienverbilligungen; mit anderen Worten: Sie sind nicht mehr selbstverantwortlich und entfernen sich vom Verursacherprinzip. Das heisst aber auch, dass die Allgemeinheit die Kosten trägt.
Anspruchsmentalität im Gesundheitswesen
Wer sich mit der Frage beschäftigt, wie die jährlichen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen gebremst werden könnten, landet bald bei der Frage, ob unsere Ansprüche inzwischen nicht zu hoch sind. Nicht nur erwarten viele von uns, dass die Medizin «selbstverständlich» jedes gesundheitliche Problem lösen wird. Auch die Kosten für Massagebehandlungen, Physiotherapien und Fitnessabonnements werden, legitimiert durch ärztliche Verordnungen, quasi als Gratis-Menschenrecht wahrgenommen. Schliesslich fordert man das ja als Prävention, um gesund zu bleiben.
Ein besonders heikles Thema sind die Orientierungskosten über das persönliche Verhalten gegen das Lebensende. Zwar gibt es die Exit-Organisationen, das heisst jedoch nicht, dass viele Menschen unsicher sind, wie sie sich in kritischen Gesundheitssituationen verhalten sollen. Da sind die vielversprechenden, zum Teil horrend teuren, medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten zur Lebensverlängerung; wird damit aber die Lebensqualität verschlechtert, relativiert sich der «Fortschritt». Landet man dann gar auf der Intensivstation, stellt sich die Frage, ob man sich mit Palliative Care nicht einen besseren Dienst erwiesen hätte.
Negative Einflussfaktoren
An dieser Stelle wird eine weitere Systemproblematik evident: Orientierungslosigkeit ist die Folge von fehlenden Informationsgesprächen mit dem (Haus-)Arzt. Dieser steht oft unter permanentem Zeitdruck (über jede Minute muss ja gegenüber Krankenkassen abgerechnet werden) und allzu oft wird über die Wichtigkeit von persönlichen Gesprächen beim Heilungsprozess geschwiegen.
Dieser Faktor gilt nicht nur im Gesundheitswesen – ganz allgemein wird dieses Manko im (Wirtschafts-)Leben evident –, es wird wohl auch an Schulen und Universitäten viel zu wenig beachtet.
Noch etwas: Das Lobbying-Verhalten der Pharmaindustrie übt einen grossen Einfluss darauf aus, was an Medikamenten verschrieben wird, wann und warum sie eingenommen werden. Teure Medikamente bringen mehr Gewinn, Generika wohl weniger …
Föderalismus in der Prämienverbilligung
Interessant ist die Situation bei den kantonalen Prämienverbilligungen. Da jeder Kanton selbst entscheidet, sind die durchschnittlichen Verbilligungen pro Bezüger/-in sehr unterschiedlich. Gemäss Tages-Anzeiger variieren sie von 3954 bis zu 1253 Franken. Ganz oben steht Basel-Stadt, gefolgt von NE, TI, BL,GE, VD; zuunterst auf dieser Skala steht der Kanton Uri, nach oben gefolgt von AI, NW, GR, ZH. Sagt das etwas aus?
Reformen im System?
Sind wir uns einig, dass Reformen am Gesundheitssystem dringend nötig wären? Das Bundesamt für Gesundheit lässt Anfang Januar 2026 verlauten, dass solche – allen Unkenrufen zum Trotz – möglich seien (NZZ). Nach der Annahme des Gegenvorschlags zur Kostenbremse-Initiative müssen jetzt alle Akteure aufzeigen, welche Anteile des Kostenwachstums gerechtfertigt sind. Damit allerding – mit Verlaub – ist noch gar nichts gespart: Erst wenn gehandelt wird, kann das möglich werden. Allerdings dauert es in der Schweiz oft jahrelang, bis solche Prozesse abgeschlossen sind.
Zusätzlich müssen alle Kantone je ein Sozialziel erarbeiten, das die Frage beantwortet: «Wie stark darf die Prämienbelastung im Lichte der jeweiligen Verhältnisse künftig höchstens sein?» (NZZ). Auch hier sei die Frage erlaubt, wann die Resultate vorliegen und wie damit ein Spareffekt erreicht werden soll.
Wenn die Seele leidet
Der Anteil der Bevölkerung, der sich wegen psychischer Probleme behandeln lässt, steigt und steigt – innert 30 Jahren hat er sich verdoppelt und beläuft sich heute auf rund 1,5 Millionen Menschen. Wissenschaftler meinen allerdings, dass sich weniger die Anzahl schwerer Erkrankungen geändert hat als vielmehr die Anzahl psychischer Belastungen junger Personen. «Heute wird weniger erlitten und mehr behandelt» (NZZ am Sonntag). Andere Fachpersonen sind der Meinung, dass Patientengruppen mit leichten Depressionen überversorgt würden zulasten jener mit Schizophrenie oder Psychosen, die schwieriger zu behandeln wären. Insbesondere müssen wir in der Schweiz aufpassen, dass unnötige Modeabklärungen die Ambulatorien verstopfen. Solche Fehlanreize sind schon 2017 vom privaten Forschungsinstitut Bass diagnostiziert worden, was die Feststellung bestätigt, dass die Schweiz in der psychischen Gesundheitsversorgung «so gut wie keine Steuerung kennt» (NZZ am Sonntag).
Wie weiter?
Vor die Frage gestellt, wie diese Kostenexplosion einzudämmen wäre, gewinnt die Idee an Bedeutung, dass Prävention gefördert werden muss. Anstatt bei jeder Bagatelle zum Arzt (oder gar zur Notfallstation der Spitäler) zu eilen, weil das in der Schweiz möglich ist, müsste der Wunsch, gesund zu bleiben, gestärkt werden. Allerdings wissen wir aus langjähriger Erfahrung, dass Fehlentwicklungen in der Schweiz nur über das Portemonnaie gestoppt werden können. Etwa durch eine nicht versicherbare «Eintrittsgebühr» vor der erstmaligen Inanspruchnahme relevanter Leistungen?