durchschaut!

Schweiz 2012: Weniger Ideologien, Instrumentalisierungen, Illusionen

durchschaut! Nr. 54 vom 5. Februar 2012
von Christoph Zollinger

Die Schweiz braucht keine Ideologen. Dogmatismus, Instrumentalisierungen, Illusionen als Folge einer selektiven Wahrnehmungsfähigkeit der Realitäten – das schweizerische Demokratieverständnis käme ohne aus.

Zum Jahresbeginn prägten seltsame Themen die Schweizer Medien. Als gäbe es keine weltweiten Rezessionsszenarien, keine EU-Schuldenkrise oder keine blutigen Aufstände im arabischen Raum, wo täglich für Demokratie gestorben wird, drehte sich die mediale Berichterstattung um helvetisch geprägte Hexenjagden, Komplotte, konstruierte Insidergeschichten und abgekartete Verschwörungsszenarien. Dabei wurde mit Schrot geschossen im Wissen, dass damit irgendwann immer getroffen wird. In der Alpenrepublik dominierten die eifrigen Selbstgerechten, Moralisten. und …. ihr Chef-Ideologe.

Er bestimmte während Wochen den medialen Tagesbefehl. Ein begnadeter Mythen- und Märchenerzähler – der, entlarvenderweise, die Lüge als ein legitimes Mittel in der Politik bezeichnet, sich aber gleichzeitig über den Zerfall der Sitten im Land beschwert - hat zu einem Rundumschlag ausgeholt und gebannt hörten wir hypnotisiert auf mehr oder weniger belanglose Nebensächlichkeiten aus der Gerüchteküche jener Wochenzeitschrift, in der ein Engel seine phantastische Kunde verbreitet. Letzterer bezeichnete eine geachtete Person in verantwortungsvoller Position als Gauner und Lügner. Es war ein weiteres Kapitel in der Verbreitung einer Ideologie klassischen Zuschnitts durch den „Führer“ und seine Gefolgschaft. Der Duden definiert „Ideologie“ so: Politische Theorie, in der Ideen der Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele dienen, auch faschistische, kommunistische, weltfremde.

Gegen Ideologien wehrte sich Sir Karl Popper1 schon im letzten Jahrhundert. Seine analytische Kritik an Ideologien2 und deren Zielsetzungen ist unvergessen und brandaktuell. Ideologien sind angefüllt mit Dogmatismus, Behauptungen absoluter Wahrheiten, Verschwörungstheorien, utopischen Harmonieidealen, zeigen eine Tendenz zur Immunisierung gegen Kritik und zu Behauptungen von Werturteilen als Tatsachen zufolge einer verblendeten Wahrnehmung der Realität. Genau eine solche „Tatsache“ wurde auch diesmal konstruiert.

In seinem Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, kritisiert Popper den Charakter bestimmter Ideologien: Bei ihrem umfassenden Wahrheitsanspruch weisen sie oftmals Elemente von Mythenbildung, Geschichtsklitterung, Wahrheitsverleugnung und Diskriminierung von konkurrierenden Vorstellungen auf. Popper macht nie einen Hehl an seiner Skepsis gegenüber umfassenden und mit Heilsversprechungen durchsetzten Theoriegebäuden, insbesondere, wenn diese mit Handlungsaufforderungen oder mit der Unterdrückung abweichender Ideen verbunden sind.

Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz sieht eine der großen Gefahren 2012 auf beiden Seiten des Atlantiks im Umstand, „dass Politik und Ideologie nicht zulassen werden, dass höhere Steuern und Staatsausgaben eines ausgeglichenen Haushalts die Arbeitslosenzahl senken und die Wirtschaftsleistung erhöhen würden.“3

Ideologen prägen die politischen Diskussionen, dort und hier. Sie missbrauchen die Medien, je mehr davon sie finanziell kontrollieren, desto einfacher lässt sich das erreichen. Wenn hier ein Hauptziel der aus dem Hintergrund gesteuerten Attacken im verbissenen Kampf gegen die Institutionen4 darin liegt, diese zu schwächen, sollten wir aufwachen. Zielscheiben des beschriebenen hinterhältigen Spiels sind ja bekanntlich seit langer Zeit die unabhängige Schweizer Justiz, die autonome Nationalbank, der verantwortungsbewusste Bundesrat. Es stellt sich drängend die Frage: Warum fühlt sich jemand berufen, solchermaßen zu intrigieren? Was sind seine persönlichen Ziele?

Aus der Gehirnforschung und der Linguistik lernen wir, dass „in der politischen Propaganda „Frames“5 zur Manipulation eingesetzt werden, um behauptete Gegebenheiten, von denen man weiss, dass sie nicht wahr sind, der Öffentlichkeit als Wahrheiten zu verkaufen.“6 Ein solcher Frame wäre zum Beispiel „die da oben“, um den Bundesrat permanent zu verunglimpfen. Mit stimmigen „Frames“ können geschickte Taktiker das Publikum auch darüber hinwegtäuschen, was in Tat und Wahrheit ihr wirkliches Ziel ist. Man kreiert das Bild eines „Lügners“ und kaschiert die Absicht: (in diesem Fall) Stärkung der Hochfinanzbranche.

Eine weitere mögliche Antwort: Wo kein rechtlicher Grund gefunden werden kann, weil Recht nicht gebrochen wurde, wird eine Kampagne konstruiert. Die massive Instrumentalisierung für unlautere Zwecke dieser Art „Aufklärung“ ist ganz einfach unappetitlich, unehrlich, unschweizerisch. Die politische Kultur, auf die wir ja in unserem kleinen Land so stolz sind, geht dabei vor die Hunde. Wir sind fassungslos.

„Illusionen hingegen rächen sich, weil man Anpassungen an die sich verändernde Welt verschläft“, war kürzlich in einem anderen, angesehenen Wochenmagazin zu lesen. Und: „In der Schweiz sind die politischen Vorstellungen stark von den Erfahrungen der Nachkriegsjahrzehnte geprägt. Sie liefern den Maßstab für das, was wir als vernünftige empfinden, dabei haben sie sich weitgehend überlebt.“7 Gemeint war damals, im Dezember 2011, die instrumentalisierte Mythenpflege in Sachen gebrochener Konkordanz, imaginärer Autonomie und gefährdeter Freiheit. Damals, wie heute, ziehen hinter den Kulissen die gleichen Leute die Fäden: Ideologen.

Ein absurdes Theater ist im Gang. Realisieren wir das?

Märchen, Ideologien, Illusionen – Moralisten auf Rachefeldzügen, die Hinterzimmer-Intrigen aushecken – die tägliche mediale, seitenlange Abdeckung eines inszenierten „Kreuzzugs“, hinterlässt nur noch Kopfschütteln. Doch wir sollten gewarnt sein. Wir wollen keine Verhältnisse wie in den Staaten, wo eine kleine Klasse von Oligarchen die Gesellschaft für den persönlichen Machterhalt auseinanderdividiert.

Die Schweiz braucht keine Ideologen.

 

1 Karl R. Popper (1902 – 1994), österreichisch-britischer Philosoph.
2 Karl R. Popper: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, (1957), Francke.
3 Handelszeitung Nr. 3, 19.1.2012: Weltkonjunktur – Das Jahr der großen Gefahren, Joseph E. Stiglitz, Columbia University.
4 Schweizerische Institutionen: z.B. Schweizerische Nationalbank (SNB), Bundesrat, SRG, SF, SUVA. Internationale Institutionen: z.B. Internationaler Währungsfonds (IWF), Weltbank.
5 „Frames“: im übertragenen Sinn (Sprachbilder-) „Rahmen“, in welchem Botschaften transportiert werden.
6 George Lakoff / Elisabeth Wehling: „Auf leisen Sohlen ins Gehirn – Politische Sprache und ihre heimliche Macht“, (2009), Carl-Auer.
7 Oliver Diggelmann, Professor für Völkerrecht, Europarecht, Öffentliches Recht und Staatsphilosophie an der Universität Zürich.


Der alte Mann und der See
Eine skurrile Schweizergeschichte

durchschaut! Nr. 53 vom 15. Januar 2012
von Christoph Zollinger

Die neueste Geschichte „made in Switzerland“ stimmt viele Menschen im Land nachdenklich.

Der einstmals verwöhnte Fischer vom Zürichsee war seit über 84 Tagen ohne Erfolgserlebnis. Er war, so haderte er, vom Pech verfolgt. Seine Frau verbot ihm sogar, weiterhin mit dem glücklosen Kollegen Marcello, genannt das „Schlitzauge“ - den er vor Jahren an der Basler Fasnacht kennen gelernt hatte - zusammenzuspannen. Stattdessen riet sie ihrem Gatten, mit erfolgreicheren Fischern in See zu stechen, hinaus Richtung Untiefen bei der Ufenau. Dezidiert brachte sie Rüdiger ins Gespräch. Er wäre der richtige Mann, erfahren im Netze auswerfen und im Übrigen seit mehreren Jahren als treu ergebener Wasserträger im Dienste ihres Angetrauten. Und zudem: „Er denkt anders, als Sie denken“. Allenfalls würde Rüdiger seinen Gehilfen, im Freundeskreis „Engel“ genannt, beiziehen. Letzterer genoss in Berufskreisen den Ruf eines begnadeten Märchenerzählers, der aus dem Nichts über Nacht „Tatsachen“ fabulierte, was sich beim stundenlangen Warten auf fette Beute als sicherer Wert erweisen könnte.

Marcello blieb seinem Freund trotzdem in treuer Interessengemeinschaft verbunden, umso mehr, als dieser in letzter Zeit immer öfter Anzeichen von Wahnvorstellungen verriet. Schließlich teilten die beiden seit Jahren wichtige Charaktereigenschaften. Beide kämpften sie unentwegt gegen Wind, Regierung und Wetter, gegen den äusseren Feind; ja, sie waren eigentliche Widerstandskämpfer von altem Schrot und Korn. Dafür investierten Sie nicht nur viel Zeit.

Eines Tages weihte der alte Mann Marcello in seinen Plan ein: Morgen würde er, zusammen mit zwei erprobten Berufs-Fischern und Kampfgenossen ausfahren, weit hinunter, See abwärts. Diesmal würde er seine Pechsträne beenden. Potz Schweizerzeit! Marcello staunte nicht schlecht und blinzelte gewohnheitsmäßig.

So fuhren denn die Drei alsbald gen Nordwesten und legten ihre Leinen vor dem lieblichen Moränenhügel in Zürich-Enge aus. Gegen Abend biss tatsächlich ein großer Fisch an. Die Drei waren überzeugt, einen präsidialen Fang am Haken zu haben. Allerdings konnten sie ihn nicht sogleich ins Boot hieven, stattdessen droht der in Panik geratene – war es ein gewaltiger Hecht? – ihr Fischerboot hinter sich her zu ziehen. „Nur mit der Ruhe“, schrie der alte Fischer und fuchtelte mit beiden Armen. „Das muss ein eingewanderter Marlin sein, der einheimische verdrängt. Wir sind zwar nur drei, aber so, wie wir für die Unabhängigkeit unserer Heimat kämpfen, so werden wir auch diesmal siegreich bleiben!“

Rüdiger riet besonnen zur Ruhe und putzte sich die Wasserspritzer von der randlosen Brille. „Lassen wir ihn zappeln, unsere Karten sind die besseren. Machen wir es uns gemütlich im Boot. Warum erzählst du uns nicht eines deiner Märchen, lieber „Engel“?“ Dieser ließ sich nicht zweimal bitten. Eloquent holte er aus: „Es war einmal ein Überflieger, ein mächtiger Mann, der in seinem Schloss an der Bahnhofstraße die Autonomie unseres Königreichs gefährdete, ja es an die EU ausliefern wollte.“ Der alte Mann, bereits etwas schwerhörig: „Eine Verschwörungstheorie …“ „Unterbrich ihn nicht, sonst kommen ihm Zweifel“, zischte Rüdiger mit überlegenem Grinsen, seinem Markenzeichen.

Es verging die ganze Nacht. Der „Engel“ erfand unermüdlich neue Märchen, sein Chef rieb sich die Hände vor Freude und Kälte; Hunger und Durst machten sich bemerkbar. Nur der alte Mann blieb ungerührt. Mit schmerzenden Händen umklammerte er die schneidende Leine. „Ich bin seit jeher für Widerstand! Lasst uns wachsam bleiben, nicht erlahmen im Kampf gegen den unsichtbaren Feind!“ Gerade wollte, im Morgengrauen, „Engel“ kichernd noch sein kürzlich erfundenes Märchen „Der Schlumpf und die tapfere Eva“ zum Besten geben, als Action aufkam.

Der Fisch begann zu kreisen – ein Anzeichen von Erschöpfung. Der alte Mann griff nach seiner Harpune …
Noch einmal hatte der alte Mann den Kampf gewonnen.

(Die Schilderung eines tatsächlichen oder erdachten Geschehens wird gemeinhin als Geschichte bezeichnet. Märchen sind nach landläufiger Ansicht Erzählungen, die von wundersamen Begebenheiten berichten. Im Unterschied zur Sage und Legende sind Märchen frei erfunden. Auch Ideologien können zu dieser Kategorie zählen. Erstere werden zuhanden der Kinderschar, letztere zuhanden der Erwachsenenwelt in Umlauf gesetzt. Märchen und Ideologien werden ab und zu trotzdem für wahr gehalten. Über Ideologien erfahren Sie mehr in drei Wochen im durchschaut! Nr. 54).


 

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