Epochaler Neubeginn
Essay von Christoph Zollinger, Kilchberg bei Zürich*
Die Welt ist in Aufruhr. Zeit und Raum, die beiden zentralen Begriffe unseres Weltgebäudes, werden neu definiert. Internet und Globalisierung stehen für diesen epochalen Umbruch. Die Zeichen der Zeit zu lesen ist ein spannendes Unterfangen. Richtige Fragen sind entscheidender als vorschnelle Antworten.
Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen signalisieren: Epochale Umwälzungen überfluten weltweit die unterschiedlichsten, etablierten Formen des menschlichen Zusammenlebens. Unsere herkömmlichen Begriffe von Zeit und Raum werden relativiert. Bevölkerungen ordnen sich neu.
In den westlichen Gesellschaften fragen wir uns: Stimmt etwas nicht mehr mit unserer Lebensstruktur? Riskieren wir, zum Beispiel, Opfer unseres wirtschaftlichen Wachstumswahns zu werden? Oder gar, Betroffene einer finanziellen Schattenwelt, die von Gier getrieben und auf (Schulden-) Sandbänken gebaut ist? In der arabischen Welt übernimmt die junge Generation gut ausgebildeter Menschen unter Lebensgefahr den heroischen Aufstandsversuch gegen Despoten. Warum plötzlich diese Aufruhr?
Zwei Antworten stehen im Vordergrund. Das Internet schafft ein neues Zeitgefühl. Die Globalisierung überwindet herkömmliche Grenzen. Damit werden Zeit und Raum, zentrale Begriffe unseres Weltgebäudes, inhaltlich erweitert. Wir sprechen von Gleichzeitigkeit (Echtzeit) und „Global Village“. Diese Gleise bilden gleichsam die Schiene, auf der sich der Hochgeschwindigkeitszug Richtung Zukunft rasend schnell vorwärts bewegt und seine Passagiere gehörig durchschüttelt.
Die Herausforderungen sind gewaltig. Wir können – rückwärts blickend – mit altbewährten Beschwörungsritualen reagieren und die gute, alte Zeit mythisch verklären. Oder wir entscheiden uns – vorwärts gerichtet – neue Erkenntnisse wahrzunehmen und demzufolge eine faszinierende, neue Zeitepoche miterleben zu wollen. Dieser zweiten Variante gilt das Interesse. Sie hat zudem den Vorteil, dass sie Einsteins Ratschlag befolgt: Wir können die Probleme unserer Zeit nicht mit derselben Denkweise lösen wie wir sie geschaffen haben.
Versuchen wir, einen Schritt zurück zu treten, der Flut alltäglicher, meist belangloser „News“ zu entkommen und klar zu denken. Wie können wir besser verstehen, was zurzeit passiert? Jene, die immer schon alles wussten, deren Antworten kommen, bevor die Fragen formuliert sind, müssen sich nicht angesprochen fühlen. Die Anderen, die Neugierigen ohne Vorurteile, nehmen wahr, dass die Explosion des Wissens grundlegend neue Erkenntnisse zu Tage fördert, die bestens geeignet sind, uns diese Neuorientierung zu erleichtern und die Geschehnisse auf dieser Welt zu interpretieren.
Besonders spannend sind die Resultate aus neuesten wissenschaftlichen Studien, Tests und Analysen zur menschlichen Psyche und Kommunikation. Sie entlarven nicht nur veraltete Denkmuster, sie provozieren mit aufregenden „Entdeckungen“ und stellen so vermeintlich gesicherte Verhaltensregeln in Frage. Zum Beispiel:
- Die seit Darwin vertretenen Thesen Krieg (der Natur) und Kampf (ums Überleben) sind in dieser Absolutheit nicht haltbar. Der Mensch ist ein primär auf Kooperation (nicht Konkurrenz) angelegtes Wesen.
- Der Mensch ist kein kühles, kalkulierendes und eigennütziges Wesen, das sich rational verhält. Diese vermeintlich rationalen Entscheide sind im Wesentlichen vorgängig emotional konditioniert.
- Menschliche Gene sind nicht die eigentlichen Akteure der biologischen Weltgeschichte. Tatsächlich reagieren Gene in einem Ausmaß auf die Umwelt, wie dies vor einigen Jahren noch unvorstellbar war.
- Empathie heißt die neue Schlüsselkompetenz, sie bringt den Menschen weiter als autoritäres Gehabe. Spiegelnervenzellen ermöglichen Intuition und damit verbessertes Verstehen zwischen den Menschen.
Dies sind einige der Befunde, die aufhorchen und alte Vorurteile über unser Menschenbild verblassen lassen. Es ist ein lohnenswerter Versuch, sich auf solche und viele weitere, neuen wissenschaftliche Ansichten einzulassen. Langsam ordnen sich die persönlichen Gedanken, die sich eben noch – angesichts der Fülle sich überstürzender Ereignisse – in Aufruhr befanden. Wir beginnen, besser zu verstehen. Menschen verstehen zu können, wird einfacher. Vorausgesetzt, man will sie verstehen. Verstehen heißt ja nicht, mit ihnen einverstanden zu sein.
Einst ahnten die Menschen, dann glaubten sie. Heute wissen wir vieles – können wir morgen verstehen?
* Autor der Buchneuerscheinung:
Update nach 2500 Jahren
EPOCHALER NEUBEGINN
2011, Europäischer Hochschulverlag Bremen
